Sonntag, 7. August 2011
Everybody lies
Dr. Gregory House ist eine erfundene Figur. Er humpelt durch ein erfundenes Krankenhaus, lindert mehr oder weniger erfundene Krankheiten und hat eine lebhafte, wenngleich erfundene Vergangenheit. Aber sein Credo ist so wahr wie es nur sein kann.

Everybody lies.

Man mag es nicht glauben, und doch ist es so. Ich habe es selbst in den letzten Wochen und Monaten erleben dürfen. Dabei kann von dürfen keine Rede sein... wenn Masken langsam fallen, die Sicht klarer wird und man an der Wahrheit einfach nicht mehr vorbei kommt. Was immer die Wahrheit in dieser Sache sein mag, ich weiß es nicht mehr.

Es begann mit kleinen Lügen, wie sie vielleicht immer wieder mal vorkommen. Ein Freund von mir, der hier natürlich namentlich unerwähnt bleiben wird, hatte schon immer einen Hang dazu, sich die Realität so zu biegen, dass er selbst ganz gut dabei heraus kommt. In kleinen Dingen ist das zwar unschön, aber man kann darüber hinweg blicken. Irgendwann aber, wenn die Lügen größer und größer werden, wenn aufgedeckte Lügen mit weiteren Lügen vertuscht werden sollen, dann ist es mit dem Spaß vorbei.

Er hatte finanzielle Probleme und hat Geräte verpfändet. Um sein Gesicht zu wahren, hat er das verschwiegen. An sich wird das jeder verstehen können; so auch ich. Verschweigen ist kein Problem, jedenfalls nicht in dieser Sache. Aber darauf angesprochen, erfand der Freund Geschichten, die so durchsichtig wie Klopapier waren. Hätte er doch nur gesagt "ich mag nicht drüber reden", oder ganz geschwiegen! Das wäre besser gewesen. Aber gut; ich glaubte ihm zwar irgendwo nicht, ließ es aber darauf beruhen.
So war es mit zu vielen Dingen, es ging immer weiter. Geld tauchte auf, dessen Herkunft mehr als zweifelhaft begründet wurde. Wüste Geschichten, die Drogenkonsum verschleiern sollten, wurden in die Welt gesetzt. Er schuldete vielen Leuten, unter anderem uns, Geld, nicht wenig. Da war ein Auto, neue Freunde, tagelange Exzesse, eine zerissene Hose, Bilder, die sich aufgrund der Fakten aufdrängten. Theorien, die mein Lebensgefährte und ich voll Sorge entwickelten, was passiert sein könnte. Immer wieder die Frage: "Du siehst nicht gut aus, was ist los?", immer wieder die Antwort: "Ich habe nur einen schlechten Tag, alles ist okay."

Everybody lies. Ich habe es irgendwie gewusst.

Viele Dinge sind passiert, die ich gar nicht alle auflisten mag. Es gipfelte darin, dass eben jener Freund aufgelöst bei mir auf dem Sofa saß und mir von Suizidgedanken berichtete. Ihm war viel Schlimmes widerfahren, das wusste ich auch, und jedes Mal hatten wir ihm aus der Scheiße geholfen, jedes Mal. Ohne mich und meinen Lebensgefährten würde er womöglich mittlerweile im Gefängnis sitzen, obdachlos sein oder Schlimmeres. Doch selbst in einer Situation, in der sich der Freund hilfesuchend an die einzigen Menschen wand, die bedingungslos zu ihm standen, weil er einfach nicht mehr konnte, weil er leer, ausgebrannt und am Ende war... ja, selbst in dieser Situation log er mich noch an. Nicht, dass seine Depression ebenfalls erfunden war, so weit möchte ich nicht gehen, aber in einer Sache, die damit und mit anderen Vorkommnissen der jüngsten Vergangenheit zusammen hängt, hat er nachweislich gelogen, und das nicht zum ersten Mal. Wenn man doch nun so am Ende ist und sein Leben nicht mehr ohne Hilfe weiter führen kann, dann lügt man doch nicht den einzigen Menschen an, der einem noch helfen kann... oder? Ich bin, auch aufgrund der Ereignisse und Lügen in der Vergangenheit, sehr verunsichert und weiß gar nicht mehr, was ich glauben soll. Ein einst sehr sehr guter Freund ist mir zu einem Fremden geworden. Würde er mir heute erzählen, der Himmel sei blau, ich würde auf den Balkon gehen und nachsehen, um diese Aussage zu verifizieren. Und das kann es doch nicht sein.

Ich kann meine Wut, meine Enttäuschung, nicht in Worte fassen. Ich erhebe keinen Anspruch darauf, immer alles erfahren zu müssen... aber ich stehe wirklich nicht darauf, wieder und wieder und wieder angelogen zu werden. Erst Recht nicht in Dingen, die so elementar sind und Menschen gefährden (wie exzessiver Drogenkonsum und so). Ich habe jenen Freund an dem Abend, als er mir von seinen schweren Depressionen und seiner Unfähigkeit, so weiter zu leben berichtete, in die Psychiatrie gebracht. Dort wird er nun behandelt. Aber er ist nicht offen, nicht zu mir, nicht zu den Ärzten, nicht zu sich selbst. Das ist vielleicht das Schlimmste.

Vielleicht hatte er wirklich nur große Probleme, und das, was aussieht wie ein gigantisches Lügenkonstrukt, ist in Wirklichkeit eine Verkettung höchst unglücklicher Umstände. Aber daran mag ich nicht mehr glauben. Es ist so viel passiert, was auch ohne Hang zu Verschwörungstheorien zusammen passt, vieles, was ich hier nicht aufgelistet habe, weil es zu ungeheuerlich ist. Bei mir ist zu viel kaputt gegangen. Natürlich bin ich momentan für meinen Freund da; aber nur, weil ich weiß, dass er sonst gar niemanden hat. In Wirklichkeit kann ich sein Verhalten weder entschuldigen noch ertragen. Und das wird in Zukunft, wenn er wieder gesund ist, ganz sicher Folgen haben, ich kann es leider nicht ändern, selbst wenn es herzlos klingt.

Ich hätte nicht gedacht, dass eine erfundene Figur mir einmal so viel beibringen würde, aber es ist wahr. Everybody lies... leider.

joy-d

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